Nov 12 2008

Schüler schwänzen Schule, um zu protestieren

Abgelegt 21:01 unter Christophorusschule

Schülerprotest in Berlin
Foto: Mike/Umbruch-Bildarchiv

Nein, nein - nicht in Oberurff. Dennoch sind heute deutschlandweit 80.000 Schüler auf die Strasse gegangen, um gegen überfüllte Klassen, zu wenig Lehrer und stressiges Turboabitur sowie für die Abschaffung des dreigliedrigen Bildungssystems zu protestieren. Die Lehrergewerkschaften haben den Protest unterstützt. Wer teilnahm, bekommt zwar Fehlstunden eingetragen, auf Disziplinarmaßnahmen wird aber verzichtet.

Die „Themenliste“ der Proteste liefert eine mögliche Erklärung, warum Schüler aus Oberurff nicht die Gelegenheit beim Schopfe packten: Unsere Klassen sind - bis auf wenige Ausnahmen - nicht überfüllt, Lehrermangel gibt es keinen und wer will, kann auch weiterhin in neun - statt nur acht - Jahren sein Abitur schaffen.

Schüler und Studenten besetzen aus Protest
Büro von SPD-Abweichler Jürgen Walter

Doch nicht nur eigene Interessen treibt neuerdings die Schülerschaft auf die Strasse. Auch andere Themen reizen zum lauten Widerspruch. So erregt etwa der - zumindest vorübergehende - politische Selbstmord der hessischen SPD die jungen Gemüter. Schüler und Studenten machten ihre Verbitterung und Enttäuschung Luft und besetzten das Wahlkreisbüro von SPD-Abweichler Jürgen Walter in Friedberg (Wetterau). Der Protest verlief friedlich. Nach etwa drei Stunden war die Aktion vorbei. Die jungen Leute erklärten, sie wollten mit der Aktion ihre Wut und Enttäuschung darüber zum Ausdruck bringen, dass Walter und einige SPD-Landtagsabgeordnete eine Abwahl von CDU-Ministerpräsident Roland Koch verhindert hätten.

Und bei dem soeben erfolgreich verzögerten Castor-Transport waren wie seit ewigen Zeiten nicht mehr plötzlich wieder SCHÜLER mit dabei. Wobei auffiel, dass man nicht wie früher die offene Eskalation mit der Polizei suchte. Vielmehr war der Protest gegen den Atommüll-Transport ein friedvolles kreatives Happening. Zum Beispiel hatten sich als Clowns verkleidete Schüler mit Pinseln bewaffnet und die Schutzschilder der Polizei bemalt.

Bis vor kurzem klagten Jugendarbeiter über eine Jugend, für die Partymachen und angepasstes Streben nach persönlichem Fortkommen wichtiger schien, als gesellschaftliches und politisches Engagement. Statt sich zum Beispiel gegen immer mehr Überwachungsgesetze zu wehren, überließ man seine privaten Daten und Ansichten lieber willig einem „ichduersieesVZ.“ Ist die angepasste Passivität der Jugend nun vorbei?

Der Weg ist das Ziel

Zwar hat der Protest in Friedberg nichts am Debakel der Hessen-SPD ändern können und auch der Atommüll ist am Ende doch wie vorgesehen in Gorleben gelandet. Doch das gehört auch zum Protestieren – die Erfahrung, dass vor allem DER WEG DAS ZIEL ist. Dass es dabei nicht nur lustig zugehen kann, zeigen aktuelle Meldungen aus Hannover. Schüler haben die Bannmeile um den niedersächsischen Landtag durchbrochen und das Landesparlament mit Steinen beworfen. In Rostock fordern Schüler die Abschaffung von Kopfnoten und die Bezahlung der Lehrer nach Leistung.

Bisher galt das Motto Party statt Protest. Bild: Andreas Bubrowski

In Nordhessen gab es offenbar nur vereinzelt Proteste. Am Morgen äußerte im Radio eine Schülerin der Schülervertretung einer Schule aus Fritzlar, man würde nicht protestieren, da die meisten Schüler gar nicht wüssten um was es geht, man sogar erst am Vorabend erfahren hätte, dass es bundesweite Aktionen geben soll. Der mit Protesten einhergehende Unterrichtsausfall wäre daher nicht zu rechtfertigen gewesen. Mit der Information hapert es also noch etwas. Derweil können wir Alten ja schon mal über Antworten auf die Forderungen der neuen jungen Protestierer nachdenken. (abu)

Zum Weiterlesen:

tagesschau.de: Interview mit 16-jähriger Schülerin aus Hamburg hm.png

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Diesen Beitrag drucken Diesen Beitrag drucken | Zuletzt aktualisiert: 13.11.2008, 21:31 Uhr


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