Okt 17 2008
Sind wir selbst schuld, wenn unsere Kinder Tyrannen werden?
Zweiter Teil des Interviews mit Michael Winterhoff, Autor des Bestsellers WARUM UNSERE KINDER TYRANNEN WERDEN.
Michael Winterhoff
Foto: privat
Im ersten Teil
des Interviews hat CJD-UPDATE nachgefragt, warum der praktizierende Jugendpsychiater meint, dass immer mehr Kinder und Jugendliche für ihr Alter psychisch unreif sind und wieso sie sich deshalb Erwachsenen gegenüber oft wie „kleine“ Tyrannen benehmen. Im zweiten Teil wollen wir wissen, welche neuen Erkenntnisse es seit Erscheinen des Buches gibt, wie psychische Reife und ADS zusammenhängen und wie das Ganztagesangebot einer Schule aussehen müsste.
CJD-UPDATE: Ihr Buch erscheint in achter Auflage. Welche neuen oder weiterführenden Erkenntnisse haben Sie seit dem ersten Erscheinen gewinnen können?
Winterhoff: Das ist im neuen Buch eingearbeitet. Ich werde mich dort besonders mit dem Thema Kommunikationsstörung beschäftigen. Wenn wir über das Kind reden, kann es passieren, dass wir – je nach Konzept – vier verschiedene Objekte meinen: (1) Konzept Kind, (2) Konzept Kind als Partner, (3) Projektion – „ich will geliebt werden“ und (4) Symbiose. Das führt natürlich zu einem völligen Kommunikationsdesaster. Stellen Sie sich eine Ehe mit einer Symbiose vor. Wenn einer etwas zum Kind sagt, fühlt sich der andere am „Arm“ gekratzt. Wer diese falschen Konzepte wählt, dem geht der intuitive Umgang mit dem Kind verloren…
CJD-UPDATE: … obwohl man sich doch heute gern auf sein „Bauchgefühl“ beruft.
Winterhoff: Das ist ja das Problem. Die Leute haben ein Bauchgefühl zu „ihrem Arm“ – nicht aber zu ihrem Kind.
CJD-UPDATE: Werden Eltern auf unakzeptable Verhaltensweisen und Lerndefizite ihrer Kinder angesprochen, wird gelegentlich mit Rechtfertigungen geblockt, die mit „… aber unser Kind hat…“ beginnen. Es wird dann etwa auf Krankheitsbilder wie ADS verwiesen und von der Umwelt eine umfassende Nachsicht für das Fehlverhalten gefordert.
Winterhoff: Das „S“ in ADS steht ja für Syndrom. Medizinisch gesehen ist ein Syndrom eine Zusammenfassung von Symptomen. Das ist also keine Erkrankung. Sie könnten zum Beispiel auch von einem Husten-Syndrom sprechen. Aber ob sich dahinter eine Bronchitis oder Lungenentzündung verbirgt, wäre dabei zunächst noch unklar. Von Laien wird ADS dennoch als Krankheit gehandelt. Die Schwierigkeit ist, dass viele dieser Diagnosen von Eltern gestellt werden. Wenn ich zum Beispiel in einer Symbiose lebe und „mein Arm“ macht nicht das, was ich von ihm erwarte, dann kann ich mir nur vorstellen, dass dieser krank sein muss. Eltern, die in einer Symbiose leben, stellen immer die Frage, was hat „mein Arm,“ und was muss ich tun, dass er wieder in Ordnung kommt. Oder sie wollen ständig, dass „ihr Arm“ etwas Bestimmtes tut. So ist der Denkansatz, „wie bekomme ich mein Kind dahin, dass es Hausaufgaben macht,“ schon ein symbiotischer.
Richtig wäre hingegen eine zwischenmenschliche Reaktion: Wenn ich sage, „mach deine Hausaufgaben,“ und das Kind antwortet, „nein – mache ich nicht,“ ist das zunächst nicht mehr als eine Verweigerung oder wegen mir auch ein freches Verhalten. Wenn aber jemand zu mir frech ist, lass ich ihn links liegen oder schicke ihn auf sein Zimmer. Doch diese zwischenmenschliche Reaktion wird bei symbiotischer Verbindung nicht geleistet. Mein Kind ist ein Teil von mir, also bringe ich es jetzt mit Erklärungen, Appellen an die Vernunft oder Drohungen dahin, dass er schreibt. Wenn dann „der Arm“ NICHT wie erwartet funktioniert, kann er ja nur noch krank sein. Das geschieht unbewusst und nicht in der Absicht, das Kind zu schonen. Doch wenn Sie als Lehrer etwas gegen das Kind sagen, gehen diese Eltern direkt gegen Sie vor. Wenn Sie etwa sagen, das Kind würde bewusst stören oder keine Hausaufgaben machen, ist das unmöglich, denn „mein Arm“ kann nicht eigenständig und bewusst stören oder etwas nicht tun. Das ist eine Tragödie… Diese Zusammenhänge muss auch die Politik verstehen, damit die Position der Lehrer gestärkt wird.
Ich denke, dass Syndrome, also die Zusammenfassung von Symptomen, bei den meisten Kindern Ausdruck einer psychischen Nicht-Reifeentwicklung sind, also eine Fixierung im frühkindlichen Narzissmus. Wenn sich aber die Nervenzelle im Menschen dadurch noch nicht einmal bilden kann, wie soll sich dann Wahrnehmung oder Arbeitshaltung entfalten können? Mit meiner Darstellung der Zusammenhänge gibt es eindeutig einen Bezug zu den Ursachen der Störung, was durch die Klassifizierung „ADS“ nicht gegeben ist.
CJD-UPDATE: Angebote für eine ganztägige Betreuung in der Schule sind in aller Munde. Wie können Realschule und Gymnasium ihr Ganztagsangebot aus jugendpsychiatrischer Sicht für das psychische Reifen effektiver machen?
Winterhoff: Bislang liegt Kindererziehung – worunter ich das Aufbauen der Psyche verstehe, also nicht nur Regeln und Verhaltensweisen – bei den Eltern. Wenn das in Richtung Ganztagsbetreuung verlagert wird, muss man beachten, dass vom reinen Verwahren der Kinder oder von einem betreuten Erledigen der Hausaufgaben keine psychische Reifung erwartet werden kann. Unabhängig davon, dass viele der Schüler ja gar nicht ihrem Alter entsprechend gereift sind. Wir brauchen daher einen sehr hohen Personalschlüssel. Wir brauchen Pädagogen, die Ahnung von zum Beispiel Entwicklungspsychologie haben und ihr Wissen in ihre Arbeit integrieren.
Angesichts des zunehmend schwierigen Umgangs mit Kindern herrscht die Tendenz vor, dafür zu sorgen, dass sie wenigstens einigermaßen funktionieren, also Rechnen, Schreiben und Lesen können. Doch aus funktionierenden Kindern werden keine Menschen, die später ihren Beruf ausfüllen oder eine Familie unterhalten können. Daher muss der Pädagoge dem Kind als Erwachsener und Bezugsperson gegenüber stehen. Dann spielt es keine Rolle, ob er mit seinen Kindern am Nachmittag Kletterwände erklimmt oder einen anderen Sport betreibt oder die Hausaufgaben begleitet oder Freizeitspiele durchführt.
Nehmen Sie zum Beispiel eine Lehrerin, die ein Kind als Kind sieht. Wenn sie etwa die vorgelegten Hausaufgaben eines Schülers mit „die machst du noch einmal neu“ kommentiert, dann liefert das dem Kind schon mal die wichtige Erkenntnis, dass es da jemanden gibt, der einem etwas zu sagen hat. Die Lehrerin hält das Kind dazu an, etwas zu tun, wozu es keine Lust hat. Damit fördert sie bei dem Kind dessen Frustrationstoleranz. Wichtig ist dabei die klare Abgrenzung des Erwachsenen zum Kind, mit der Aufgabe, das Kind zu führen. Lehrer, die Kinder partnerschaftlich behandeln, könnten solche Leistungen kaum erbringen, da bei ihrem Konzept alles offen und mehr oder weniger unverbindlich bleibt … Es geht also nicht um eine Beaufsichtigung der Kinder, sondern um das Schaffen von Bedingungen, unter denen sie psychisch reifen können.
Interview: Andreas Bubrowski
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Übersicht der Artikel zur Serie
- Ferienlektüre: Warum unsere Kinder Tyrannen werden - 13.07.2008
- „Die Menschen werden immer autistoider“ - 15.09.2008
- Sind wir selbst schuld, wenn unsere Kinder Tyrannen werden? (This post) - 17.10.2008
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| Zuletzt aktualisiert: 10.05.2009, 14:58 Uhr
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