Okt 03 2008
Tag der deutschen Einheit: Hurra schulfrei! Und sonst?
Warum ist eigentlich heute Feiertag? Der Tag der deutschen Einheit ist bei Jugendlichen vor allem Anlass zur Freude, weil er schulfrei ist. Die Frage nach dem WARUM stellt sich kaum. Und wenn, wie neulich geschehen bei der Umfrage von Klaus Schröder vom Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin, kommen Antworten heraus, die bei Politikern und Publizisten zu einem Aufschrei des Entsetzens führen.
Schüler der Jahrgangsstufe 10 stellen Abgeordneten des Kreistages interessiert ihre Fragen zur Lokalpolitik. Bild: Andreas Bubrowski
Der Schuldige dafür, dass die Jugend etwa meint, Konrad Adenauer und Willi Brandt wären DDR-Politiker gewesen – und zwar weil Eltern mit Sympathie über sie reden würden – ist schnell zur Hand: DIE SCHULE.
Offizielles Logo 2008
Mutmaßlicher Grund: In den Schulen würde das Thema DDR nicht oder zu wenig behandelt werden. Gut, dass es die Schule gibt und man gesellschaftliche Defizite wieder einmal den Lehrern in die Schuhe schieben kann. Stereotype Schuldzuweisungen werden aber an der realitätsfremden kollektiven Wahrnehmung junger Leute zur deutschen Einheit so wenig etwas ändern wie ein paar verordnete Stunden Nachhilfeunterricht in Geschichte. Vielleicht sollten die Forscher ihr Augenmerk von den Wirkungen (Meinung) auf die Ursachen (Meinungsbildung) lenken. Unliebsame Meinungen wären dann nicht beklagenswerte Symptome sondern warnende Signale, die eigene Glaubwürdigkeit zu überprüfen.
Umweltprobleme, Todesstrafe, Vermögensverhältnisse
Zum Beispiel heißt es im Gesamtbefund der Studie:
Die Schüler wissen nichts Konkretes über die DDR. Sie wissen weder etwas über die Umweltprobleme, noch wissen sie etwas über die Todesstrafe oder die Vermögensverhältnisse. Sie bilden sich ein Urteil, ohne ein Wissen zu haben. Das haben wir bemängelt.
Haben die Forscher wirklich keine überzeugenderen Argumente für die Jugend von heute finden könnnen, warum sie das einstige Unrechtssystem ablehnen und unsere Demokratie befürworten sollen?
UMWELTPROBLEME
Als neulich in einem Salzstock in Niedersachsen, der im Wahlkreis des Bundesumweltministers Gabriel liegt, festgestellt wurde, dass seit Jahren radioaktiv verseuchte Abwasser ungehindert in die Umwelt sickern, war die DDR fast 18 Jahre tot. Wenn es also in der DDR Umweltprobleme gab – bei uns gab und gibt es sie auch…
TODESSTRAFE
Wer ein bisschen googelt wird herausfinden, dass die Todesstrafe in der DDR 1987 abgeschafft wurde (Zur Erinnerung: im selben Jahr wurde Partei- und Staatschef Honecker vom damaligen Bundeskanzler Kohl mit ALLEN Ehren in Bonn empfangen!). Die letzte Exekution fand 1981 statt: Die Pläne eines Stasi-Offiziers in den Westen überzulaufen waren aufgeflogen. Er wurde wegen Hochverrat verurteilt und erschossen. Schlimme Sache. Allerdings – in den USA, dem engsten und wichtigsten Verbündeten der Bundesrepublik – ist die Todesstrafe bis heute gängige Praxis. Zwar wird dort nicht erschossen, dafür kommen Giftspritzen und elektrischer Stuhl zum Einsatz. Zumindest in Sachen Todesstrafe muss dem Jugendlichen von heute die Ex-DDR fortschrittlicher als unser politischer Freund und Verbündeter USA erscheinen…
VERMÖGENSVERHÄLTNISSE
Die Vermögensverhältnisse in der DDR müssen in der Tat bescheiden gewesen sein. Auf ein Pappauto musste man fast zwei Jahrzehnte bis zur Auslieferung warten. Für Bananen stand das Volk, wenn sie mal zu haben waren, Schlange. Und „Urlaub im Süden“ gab es nur mit großen Mühen in Bulgarien oder in der Sowjetunion, für treue Parteigenossen war auch mal ein Flug nach Cuba drin. Andererseits: Es gab kein Hartz IV, keine Vorstände mit die Volksseele empörenden Millionenbezügen und für Bier und Zigaretten war stets gesorgt (auch wenn, was kaum bekannt ist, im Bier am Ende der Hopfen durch Schweinegalle ersetzt werden musste; wegen Rohstoffmangel). Kurz – bezüglich Konsum war es wohl doch eher uncool. Aber ist es hier und heute stets cool? Und ist zu viel Konsum nicht ein Grund für Ozonloch und kaputte Umwelt?
Stasigefängnisse im Vergleich zu Guantanamo
harmlos und gemütlich?
Wenn also solche Argumente zum Alltag kaum überzeugen, wie sieht es dann bei der Frage des politischen Systems aus? Es gab keine demokratischen Wahlen. Doch sind heute nicht in Ost und West die Menschen wahlmüde? Wieso soll der Jugendliche dann meinen, dass richtige Wahlen so wichtig sind? Dann die Stasi. Das Ausschnüffeln des Volkes und diese beängstigenden Stasigefängnisse, die man heute als Museum besuchen kann – alles wirklich schlimm und abstoßend. Andererseits: Hört man in den Nachrichten von heute nicht fast täglich, wie die Bevölkerung im Namen präventiver Terrorabwehr überwacht und kontrolliert wird? Und wirken die Stasigefängnisse im Vergleich zu Guantanamo nicht eher harmlos und gemütlich?
An die Adresse der Lehrer richtet Schröder die Mahnung:
Für die DDR kann man sehr gut zeigen, dass es eine fiktive, eine rekonstruierte DDR ist, die zurückgesehnt wird. In die wirkliche DDR will kaum jemand zurück.
Was immer am ostdeutschen Staat „wirklich“ oder eher unwirklich war, wird stets von Standpunkt und Motiv des Betrachters abhängen. Was aber ist mit der Wirklichkeit hier und jetzt? Was, wenn ehemalige Diktaturen (inklusive des braunen Vorläufers der roten Diktatur) bei der Jugend an Attraktivität nur deswegen gewinnen können, weil die Demokratie von heute schleichend an Glaubwürdigkeit verliert. Das wäre dann eine Frage, die man nicht nur den Lehrern überlassen sollte. (abu)
Linksunten:
Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin
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| Zuletzt aktualisiert: 03.10.2008, 23:50 Uhr
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2 Kommentare to “Tag der deutschen Einheit: Hurra schulfrei! Und sonst?”
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Leider haben wir selbst bezüglich Schießbefehl an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Sonst hätte es zum Beispiel nicht passieren dürfen, dass ausgerechnet der Politoffizier des Kommandos, das das letzte Mauer-Opfer, Chris Gueffroy, zu verantworten hat, ein hochrangiger (!) BUNDESPOLIZIST werden konnte:
• Vom DDR-Politoffizier zum Bundespolizisten
Von Todesstrafe höre ich auch zum ersten Mal und das sie sogar in der DDR offiziell abgeschafft wurde finde ich sehr interessant…
Leider lauerte bis 1989 eine andere “Todesstrafe” an den Grenzen zur BRD oder anderen Ländern, wo nicht lange überlegt wurde zu schiessen…