Sep 15 2008

„Die Menschen werden immer autistoider“

Der Bonner Jugendpsychiater und Buchautor Michael Winterhoff hat mit seinem Bestseller WARUM UNSERE KINDER TYRANNEN WERDEN ein Zeichen gesetzt. Er will damit auf ein Phänomen hinweisen, das ihm immer häufiger in seiner Arztpraxis begegnet: Verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche erweisen sich aus psychologischer Sicht als für ihr Alter unreif und zurückgeblieben.

Persönliche AnspracheDamit sich ihre Psyche harmonisch entwickeln kann, brauchen Jugendliche klare Strukturen und die persönliche Ansprache. Bild: Andreas Bubrowski

Der Grund - Eltern und Erzieher kompensieren unbewusst eigene Bedürfnisse über ihre Kinder. Und blockieren damit die harmonische Entwicklung der Psyche.

CJD-UPDATE: Herr Winterhoff, würden Sie Ihr Buch verhaltensauffälligen und als dissozial geltenden Jugendlichen zur Lektüre empfehlen?
Winterhoff: Das Buch ist eher was für Erwachsene und nicht geeignet zur Selbstdiagnose. Ich habe zweimal erlebt, dass Eltern es ihren Kindern zum Lesen gegeben haben. Aber das ist ja nur Ausdruck dessen, dass sie in einer Symbiose waren, es also „ihrem Arm“ zum Lesen gegeben haben … Ich weiß auch nicht, wie man die Thematik als Jugendlicher verstehen würde … Das ist überhaupt kein Buch für Kinder oder Jugendliche.

teaser_michael_winterhoff.jpgJugendpsychiater und Bestseller-
autor Michael Winterhoff.

Foto: privat

CJD-UPDATE: Welche Lösungsansätze sehen Sie für eine Umkehr in der Erziehungsarbeit und zum „Nachlernen“ für alle Beteiligten, vor allem dann, wenn sich zwischen psychischer und physischer Reife schon eine Schere gebildet hat; etwa in der zusätzlich kritischen Pubertät.
Winterhoff: Ich sitze am zweiten Buch, das sich um genau diese Frage drehen wird. Erstmal geht es darum zu konstatieren, dass wir viele betroffene Kinder haben. Wenn wir über Lösungsansätze reden, müssen wir zunächst überprüfen, ob Kindergärten und Grundschulen überhaupt den neurologischen Gesichtspunkten entsprechen. Denn die hier zugrunde liegenden Konzepte sind zumeist partnerschaftlich geprägt. Da werden Fehler gemacht, die selbst gesunden Kindern nicht gut tun.

Kinder bis zum zehnten Lebensjahr arbeiten personenbezogen – also NICHT partnerschaftlich. Bei den pädagogischen Konzepten sind die Kinder jedoch oft auf sich selbst gestellt und können frei aussuchen. Es stellt sich also die Frage, ob sich diese Konzepte mit neurologischen und entwicklungspsychologischen Erkenntnissen vereinbaren lassen.

Wenn tatsächlich immer mehr Kinder von einer Fehlentwicklung der Psyche betroffen sind, müssen wir uns darauf einstellen, dass diese Kinder in der Schule viel mehr Struktur brauchen. Struktur gibt Halt. Dazu gehören überschaubare Abläufe, eine sehr persönliche Ansprache und dass Lehrer diese Schüler ganz gezielt auf sich beziehen. Benötigt wird auch ein verbindliches Regelwerk, das es an vielen Schulen heute nicht mehr gibt. Es gilt als modern, alles offen und eher unverbindlich zu belassen … das wird im nächsten Buch deutlicher behandelt werden. Die Partnerschaftswelle hat dazu geführt, dass Kinder kein oder kein ausreichendes Gegenüber mehr haben, dass sie die Übersicht verlieren und keine Struktur vorfinden, an der sie sich orientieren können.

CJD-UPDATE: … wann ist mit dem neuen Buch zu rechnen?
Winterhoff: Geplant ist Januar oder Februar 2009.

FotohandyMedienkonsum ist nicht Ursache für psychische Unreife.
Bild: Andreas Bubrowski

CJD-UPDATE: Extensiver Medienkonsum - etwa stundenlange (Handy-)Telefonate, endlose Chats, Dauerberieselung mit Videoclips und Video-Spielen - gilt als eine wesentliche Ursache von Verhaltensauffälligkeiten bei Jugendlichen. Verbote bringen jedoch wenig. Welches Medienverhalten ist Ihrer Meinung nach anzustreben?
Winterhoff: Diese Ansicht teile ich nicht. Für mich sind das keine Ursachen. Zwar besitzen die virtuellen Möglichkeiten ein hohes Verführungspotential. Aber ich behaupte, dass es für psychisch reife Kinder und Jugendliche interessanter ist, sich zu verabreden und zwischenmenschliche Dinge zu tun, anstatt sich vor so eine Maschine zu setzen. Dabei sind Instant-Messenger wie ICQ durchaus kommunikative Systeme. Aber wer wirklich fit ist, etwas für die Schule tut, nachmittags verabredet ist und sich in einem Verein engagiert, wird auch hierfür nur begrenzt Zeit und Interesse übrig haben.

Das Problem eines Instant-Messengers und ähnlicher Systeme ist, dass man sich zwar in einer Kommunikation befindet, aber isoliert in einem Raum sitzt. Doch hier liegen nicht die Ursachen dafür, dass unsere Jugendlichen auffällig sind. Natürlich ist das Medium Internet für auffällige und psychisch unreife Jugendliche kritisch. Vor allem die Computerspiele. Doch andererseits sind Kindergärten und Grundschulen immer weniger personenbezogen. Wenn es in Kindergärten den Kindern in offenen Gruppen überlassen bleibt, was sie tun und wo sie hingehen wollen, dann ist bereits dort Kommunikation überhaupt nicht gefordert. Die Folge – die Menschen werden immer autistoider.

CJD-UPDATE: Autismus ein gesellschaftlichliches Phänomen?
Winterhoff: Vorsicht! Autismus ist kinderpsychiatrisch ein Krankheitsbild. Das ist nicht gemeint. Autistoid ist der richtige Begriff. Er bedeutet – ich bin in mir zurückgezogen, aber nicht krank. Aber das ist ein ungeheuerliches Phänomen, dem wir in Kindergärten und Schulen gegensteuern müssen. Doch dazu sind Konzepte nötig, die den Jugendlichen eine Orientierung geben, und die dann personenbezogen umzusetzen sind. Doch an dem Punkt sind wir noch nicht. Es wird ja gerade erst diskutiert, ob es überhaupt so viele verhaltensauffällige Jugendliche gibt.

CJD-UPDATE: Aber es gibt immer mehr Lehrer, die sich trauen, Eltern auf die Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder hinzuweisen…
Winterhoff: Endlich kommen die Lehrer und Pädagogen allmählich aus der Deckung heraus, die jahrelang dazu nichts sagen durften. Das kehrt sich um. Und es ist höchste Zeit.

(Teil 2 des Interviews folgt)

Linksunten:

Rezension zum Buch in CJD-UPDATE


Interview: Andreas Bubrowski

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