Sep 07 2008
Jugendliche im Shaolin-Kloster Kaiserslautern: Perfektion und Selbstüberwindung als Lebensweg
Von Andreas Bubrowski
Mathias Barth ist einer von den attraktiven Typen, bei denen die Herzen der Mädchen schneller schlagen, wenn sie ihm begegnen. Und doch unterbricht er im Interview die Frage nach seiner „familientechnischen“ Zukunft mit einem schroffen NEIN. Und fügt hinzu: „Wie kann ich Kinder haben, wenn ich kein Mädchen finde – in dieser Welt.“ Warum dieser bitter-traurige Ton?
Mathias (Shi Xiao He) fiel es schwer, das Kloster zu verlassen. Mit den geistigen Werten des Zen-Buddhismus ist er immer noch verbunden. Was er etwa mit einem ZEN-Tatoo am Hals dokumentiert.
Quelle: © VOX, SPIEGEL TV, Sendung vom 18. Juli 2008
Dabei sieht Matthias nicht nur äußerlich gut aus. In seiner zweijährigen Zeit als Novize im Shaolin-Kloster Kaiserslautern hat der 20-Jährige auch für sein Alter unübliche INNERERE Werte erworben. Doch dazu Mathias: „Was ich im Tempel gelernt habe, muss ich vergessen, in mir bewahren und so reden wie die anderen.“ In einer Welt oberflächlicher Werte und flüchtiger Verbindungen hat es einer nicht leicht, wenn sein Denken und Handeln von Tiefe und Substanz geprägt ist.
Sich selbst überwinden als Lebensform
Matthias galt als Hoffnungsträger der einzigen europäischen Ausbildungsstätte für Kampfmönche der vom Zen-Buddhismus geprägten Tradition des Shaolin-Kung-Fu. Doch er verließ das Kloster, um nachzuholen, wie er sagt. Dabei vermeint man Unsicherheit und Zweifel in der Stimme des ansonsten ruhig und selbstbewusst auftretenden jungen Mannes zu vernehmen, ob das wirklich die richtige Entscheidung war.
Inzwischen gibt es neue Novizen im ungewöhnlichen „Ganztagsangebot“ des Tempels, der damit auch als Bildungseinrichtung fungiert und Jugendlichen die Möglichkeit für einen alternativen Lebensstil eröffnet, bei dem Perfektion und Selbstüberwindung statt Karriere und Geld im Mittelpunkt stehen. Dazu der Abt des Shaolin Tempels Kaiserslautern, Shi Heng Zong:
Wenn man in 15 bis 20 Jahren ein oder zwei Schüler zur Meister-Reife bringen kann, ist das viel.
Als das Team von SPIEGEL TV die sich binnen eines Jahres vollziehende Verwandlung des Kung-Fu-interessierten Jugendlichen Julian Jacobi zum ordinierten Zen-Mönch Shi Xiao Feng in einer eigenen Themensendung filmisch dokumentierte, ist es auch auf das vermeintliche Scheitern von Shi Xiao He, so der Mönchsname von Mathias Barth, gestoßen. Dass für Mathias eine von Ethik, Moral und philosophischen Gedanken geprägte Geisteshaltung nur sehr eingeschränkt im Alltag gelebt werden kann, ist eher ein Armutszeugnis unserer sich ansonsten gern aufgeschlossen und offen gebenden Gesellschaft.
Mathias betrachtet Kung-Fu auch nach seinem Klosteraustritt nicht als bloßen Freizeitsport. Quelle: © VOX, SPIEGEL TV, Sendung vom 18. Juli 2008
Manche halten es gar für gefährlich, wenn junge Leute auf die Idee kommen, die Gesellschaft überwinden zu wollen, und damit schon mal bei sich anfangen. Immerhin ist diese Idee auch ein treibendes Motiv zum Beispiel bei Neo-Islamisten und Neo-Nazis und oft auch verantwortlich für die Neigung zur Selbstzerstörung durch Alkoholexzesse und Drogenkonsum. Doch wem ICQ, Handyklingeltöne, SchülerVZ, Markenklamotten und Disco-Blabla zu wenig für sein kostbares Leben ist, muss nicht notgedrungen als Bomben bauender Killer, Rechtsextremist oder Junkie enden. Er könnte etwa Shaolin-Mönch werden und ein Meister der Mutter aller Kampfkünste, dem Shaolin Kung-Fu.
Der Malermeister Daniel Nürnberger weiß jedenfalls, was er an Mathias, dem Ex-Novizen, hat, wenn der bei ihm jetzt eine Lehre zum Maler und Stuckateur absolviert:
Ich wusste erst gar nicht, dass es so etwas bei uns gibt. Aber im Nachhinein finde ich das gut. Mathias ist diszipliniert, anständig und ehrgeizig. Was man sonst bei anderen Jugendlichen kaum so findet.
Also am Ende doch eine Erfolgsgeschichte.
Offene Fragen
Die spannende Dokumentation lässt manche Fragen offen. Etwa die der Finanzierung des Tempelbetriebs, die sich weitgehend aus Spenden speisen soll, ohne dass Details genannt werden. Immerhin scheinen nicht unerhebliche Mittel zur Verfügung zu stehen; die unter anderem den Betrieb eines gehobenen Mittelklassewagens zulassen. Völlig unklar bleibt auch, welche pädagogischen oder sonstigen Qualifikationen den jetzigen Abt auf Lebenszeit auszeichnen, jungen Erwachsenen in einem weitgehenden Noviziat vorzustehen. Zumal er - soweit es im Film ersichtlich ist - am aktiven Trainingsprogramm selbst nicht teilnimmt. Interessant wäre schließlich zu erfahren, welche Aufsichtsgremien die pädagogische Praxis des Tempels kontrollieren.
(Ein Privatmitschnitt der Themensendung liegt als DVD vor.)
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| Zuletzt aktualisiert: 02.01.2009, 22:34 Uhr
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Danke für den Beitrag. ich habe die Sendung gesehen und war fasziniert von so viel Geistiger Stärke bei beiden jungen Shaolin. Ich denke man kann einiges des Wegs der Shaolin für sich selbst nutzen ohne gleich ins Kloster eintreten zu müssen.
Ich interessiere mich seit dem sehr für die Lehren des ZEN Buddhismus.
Wie könnte ich den Mittschnitt der Sendung bekommen? Habe sie leider nirgends online gefunden.
Danke.