Jul 13 2008
Ferienlektüre: Warum unsere Kinder Tyrannen werden
Von Andreas Bubrowski
Gleich vorab: Lehrer sollten dienstverpflichtet werden, das Buch Warum unsere Kinder Tyrannen werden von Michael Winterhoff gründlich zu studieren. Eltern sollten es immer zu Hand haben, spätestens wenn sie ihr Kind auf die Realschule oder das Gymnasium geben. Und das, obwohl der Verfasser gleich zu Beginn mit allen am Erziehungsprozess Beteiligten hart ins Gericht geht.
Beziehungen in der Gemeinschaft: Wer hat welche Rolle? (*)
Nichts Geringeres als Missachtung der Psyche des sich entwickelnden Jugendlichen wirft er ihnen vor. Und schon nach wenigen Seiten Lektüre wird klar: Der promovierte Humanmediziner und praktizierende Kinder- und Jugendpsychiater aus Bonn hat wohl leider Recht. Unsere Gesellschaft neigt dazu, den Kindern das Kindsein zu stehlen. Die Folgen: Lernstörungen und dissoziales Verhalten.
Aha-Effekt für Lehrer und Erzieher
Buch-Cover
© Gütersloher Verlagshaus
Zunächst ist das Buch ein einziger Aha-Effekt für Lehrer und Erzieher. Da ist von handlungsunfähigen Schülern die Rede, die außerstande sind, selbst einfachste Handlungsanweisungen Schritt für Schritt nachzuvollziehen, die Mitarbeit verweigern und stereotyp Ausflüchte, wie „das verstehe ich nicht“ wiederholen. Mutig angesprochen wird auch das beobachtete Phänomen, dass um die 30 Prozent der eingeschulten Kinder „starke Auffälligkeiten im Bereich Wahrnehmung“ aufweisen. Was dazu führt, dass „ein geordneter Unterrichtsverlauf, der vorwiegend der Wissensvermittlung dienen kann, quasi von vornherein ausgeschlossen ist.“
Thema ist auch die als modern geltende Gruppensitzordnung in Klassen, die unter die Lupe genommen wird. In Wirklichkeit, so weist der Autor schlüssig nach, bringt die Sitzweise nicht nur neurologische Gefahren mit sich („…die Wirbelsäule wird falsch belastet, wenn Kinder seitlich oder mit dem Rücken zur Tafel sitzen“), sie führt außerdem zu mehr Unruhe, da die Schüler nicht mehr die Autoritätsperson LEHRER, sondern ihresgleichen VOR SICH haben.
Auch wenn im Buch vor allem auf die Situation in den Grundschulen Bezug genommen wird, werden sich auch die Lehrkräfte anderer Schulformen angesprochen fühlen. Denn die Mehrheit der 30 Prozent Schüler mit Wahrnehmungsschwierigkeiten zum Zeitpunkt der Einschulung findet sich wenige Jahre später in den Realschulen und Gymnasien wieder.
Spiegel für Eltern
Wer Kinder wie Erwachsene, also partnerschaftlich, behandelt, stiehlt ihnen das für eine harmonische Entwicklung der Psyche notwendige Kindsein. (*)
Die Erziehung eines Kindes – also zum Beispiel das Vermitteln von Normen im Umgang mit Seinesgleichen und verantwortlichen Leitfiguren, das vorbildhafte Vorleben ethischer und moralischer Prinzipien, das Aufzeigen von Möglichkeiten und Grenzen in Gemeinschaften mit anderen Menschen – ist naturgemäß primär Aufgabe des Elternhauses. Wenn ein Kind in der fünften Klasse in die Realschule oder das Gymnasium eintritt, geht es fortan um die Vermittlung von Wissen und den Erwerb von Kompetenzen. Dabei muss die Schule auf einem Sozial- und Leistungsverhalten aufbauen, das bis dahin - in den mehr als zehn zurück liegenden Jahren - vor allem die Eltern zu verantworten haben.
Genau hier schlägt Winterhoff Alarm. Aus seiner Praxis weiß er, dass sich in den letzten 20 Jahren die Verhaltensauffälligkeiten dramatisch vermehrt haben. Und was ist der Grund? Zunächst enttarnt der Autor die vertraute Vorstellung als überholtes Klischee, dass Verhaltensstörungen vor allem bei Kindern sozial schwacher Gruppen auftreten. Denn ganz im Gegenteil, kommen mehrheitlich Kinder aus mittleren und gehobenen Schichten in seine Praxis, deren Eltern sich selbst als engagiert, liebevoll, tolerant und verständnisvoll verstehen und die auch von der Gesellschaft so eingeschätzt werden würden. Doch diese (Selbst-)Einschätzung ist leider oft ein fataler Irrtum.
(Diese) Jugendlichen sind in einer frühkindlichen Phase fixiert, ihr körperliches und psychisches Alter klaffen weit auseinander. Sie können dadurch keinerlei störungsfreie Beziehung zu ihrer Umwelt mehr aufbauen.
Verantwortlich dafür sind im Wesentlichen DREI Beziehungsstörungen zwischen den für Erziehung und Ausbildung verantwortlichen Personen und den ihnen anvertrauten Kindern: Partnerschaftlichkeit, Projektion, Symbiose
Partnerschaftlichkeit – eine Beziehungsstörung
Den partnerschaftlichen Umgang mit Kindern als „Störung“ zu bezeichnen, wirkt im ersten Moment schockierend. Gilt nicht gerade als aufgeklärt und modern, wer Heranwachsende wie Partner zu behandeln versucht? Der Autor weist jedoch schlüssig nach: Für einen partnerschaftlichen Umgang besitzen Kinder schlicht und einfach noch nicht die dazu nötige psychische Reife.
Kinder werden … in eine Rolle hineingezwängt, für die sie nicht geeignet sind, da ihnen sämtliche psychischen Eigenschaften fehlen, diese Rolle ausfüllen zu können. Die Rolle, die ihnen zugewiesen wird, ist die eines Partners der Erwachsenen …
‚Mein Kind hat einen starken Willen, es setzt sich durch, weil es weiß, was es will.’ Mit solch einer Beschreibung wird dem Kind eine … Persönlichkeit zugeschrieben, die es in seinem so frühen Stadium seines Lebens noch gar nicht haben kann, da die Persönlichkeitsentwicklung erst mit dem achten oder neunten Lebensjahr einsetzt …
Was die Eltern … mit Persönlichkeit verwechseln, sind schlicht kindliche Verhaltensweisen, die jedes Kind in diesem Alter zeigt. So wirken Kleinkinder immer ‚willensstark,’ da sie psychisch gesehen noch in der Annahme leben, sie seien alleine auf der Welt und könnten rein lustbetont ihren Willen ausleben. Diese Kinder haben noch nicht gelernt, ihre Außenwelt und andere Menschen als Begrenzung des eigenen Ichs anzusehen.
Das Problem besteht darin, dass viele Eltern, aber auch Erzieher und Lehrer, das Gefühl verloren haben, den Kindern diese Begrenzung zu vermitteln. Sie nehmen das Kind in seiner vermeintlichen Persönlichkeit wahr und bestärken es eher noch in den angenommenen Merkmalen. Damit wird jedoch eine altersgerechte Weiterentwicklung des Kindes verhindert, es bleibt in einer frühkindlichen psychischen Phase und wird immer Schwierigkeiten haben, sich im Alltag zurechtzufinden, der ständig das Anerkennen von Grenzen fordert.
Mit anderen Worten: Die auf Unwissenheit und einen Schuss Narzissmus basierende falsche Vorstellung der Erwachsenen, ihre Kinder als Ihresgleichen behandeln zu müssen, raubt diesen die Möglichkeit, sich psychisch als soziales Wesen zu entwickeln. Die Folge: Teenager und junge Erwachsene KÖNNEN gar nicht die an sie gestellten Anforderungen - schulisch, beruflich und privat - erfüllen. Denn sie haben nicht gelernt, dass neben dem Drang zu individueller Verwirklichung auch das soziale Miteinander und die damit verbundenen Pflichten zu beachten sind.
Leben als soziales Wesen. (*)
Bei den zunehmenden Problemen im häuslichen Umfeld zwischen Heranwachsenden und Eltern kommen, laut Winterhoff, die beiden anderen Beziehungsstörungen ins Spiel: Projektion und Symbiose. Das Hauptproblem dabei ist, dass betroffene Eltern oft zunächst ihren eigenen Anteil an dem plötzlich nicht mehr erklärbaren und aller vermeintlichen Fürsorge widersprechenden Verhalten ihres Kindes nicht erkennen wollen oder können. Schuld sind die anderen. Also Mitschüler und Lehrer, die einfach das vermeintlich „Besondere“ des EIGENEN Kindes nicht angemessen zu würdigen wissen. Eine Haltung, die vor allem das Kind selbst später auszubaden hat, warnt der Autor.
Mein Kind muss irgendeine Krankheit haben
Wenn rücksichtslose Mitschüler und unfähige Lehrer nicht länger als Erklärung funktionieren, hat sich als letzte Zuflucht eingebürgert: Mein Kind muss eine Krankheit haben. Aber welche? Dazu Winterhoff:
Es wird … darauf hinaus laufen, dass das Kind als krank empfunden wird, so wie ein nicht funktionstüchtiger Körperteil. So erklärt sich die auffällige Häufung von Krankheiten, mit denen Schulprobleme von Kindern erklärt werden sollen. Dyskalkulie, Legasthenie oder ADHS sind die absoluten Chartstürmer in den Hitlisten der Kinderkrankheiten. Die Diagnose indes wird dabei keineswegs Kinderärzten oder Psychiatern, medizinischen Experten also, überlassen, sondern erfolgt durch die Eltern selbst. Für Erstere (die medizinischen Experten) besteht somit überhaupt keine Chance mehr, regulierend auf Beziehungsstörungen einzuwirken. Der Besuch eines Mediziners dient den Eltern im Grunde nur noch der Selbstbestätigung, dass sie mit ihrer Diagnose richtig liegen. Bei gegenteiliger Meinung des Arztes (oder des zur Abgabe seiner Beurteilung hinzugezogenen Klassenlehrers. Anm. d. Red.), werden immer neue Begründungen ge- und erfunden, warum die Kinder auf eine bestimmte Art und Weise agieren und reagieren.
Beziehungsfähigkeit wieder herstellen
Wenn nicht schnell im gesamtgesellschaftlichen Rahmen ein Umdenken geschieht, werden immer mehr Jugendliche schlicht und einfach UNFÄHIG sein, erfüllende und harmonische Beziehungen einzugehen.
Der moderne Mensch ist in Gefahr, immer egozentrischer und narzisstischer zu werden, sich selbst nur noch im Hinblick auf seine Eigenbedürftigkeit zu sehen. Er verliert damit in letzter Konsequenz seine Eigenschaft als soziales Wesen… Eltern (wie Lehrer und Pädagogen – Anm. d. Red.) reagieren nicht mehr auf Dinge, die ihr Kind tut, sondern versuchen zu verstehen, was es tut, und anschließend zu erklären, was es eventuell besser hätte tun können.
Damit geht aber langfristig alle Beziehungsfähigkeit verloren. So die bittere wissenschaftliche Erkenntnis des Autors aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Kinder- und Jugendpsychiater. Was nun tun? Schnelle Lösungen gibt es nicht. Vor allem kommt es darauf an, dass die Erwachsenen ihre Einstellung zum Kind ändern und ihm beibringen, sich als soziales Wesen wahrzunehmen und zu verhalten. Winterhoff will ausdrücklich nicht als Fürsprecher eines reaktionären Erziehungsmodells verstanden werden, das auf kaltherzige Zucht und Ordnung setzt. Verzogene Kinder plötzlich mit erzieherischen Maßnahmen bestrafen zu wollen, würde auch keinen Erfolg haben:
Eltern wie Erzieher oder Lehrer gehen in solchen Situationen zu oft in Machtkämpfe, die sie von vornherein nicht gewinnen können und in denen sie ständig Gefahr laufen, sich gegenüber dem Kind lächerlich zu machen und damit die Respektlosigkeit des Kindes seiner Umwelt gegenüber zu unterstützen.
Sein Credo kann vielleicht mit liebevoller Strenge umschrieben werden. Nach seiner Ansicht brauchen unsere Kinder vor allem Liebe und Zuwendung. Aber auch klare Richtlinien. Dafür sind konkrete Regeln verbindlich festzusetzen, auf deren Einhaltung konsequent zu achten ist. Wenn das gelingt, können Kinder auch wieder Kinder sein.
Zitate aus: Michael Winterhoff, Warum unsere Kinder Tyrannen werden; Oder: Die Abschaffung der Kindheit, Gütersloher Verlagshaus, 2008 (Verfügbarkeit
)
(*) Fotos: Verfassser
Zum Weiterlesen: Interview der Süddeutschen Zeitung mit Jugendpsychiater Michael Winterhoff
Man muss nur quaken, dann kommt die Brust
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| Zuletzt aktualisiert: 28.10.2008, 11:12 Uhr
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2 Kommentare
2 Kommentare to “Ferienlektüre: Warum unsere Kinder Tyrannen werden”
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@ rikke: Danke für Feedback. Das war erst der Anfang. Interview mit dem Autor ist in Vorbereitung…
Sehr spannende Artikel. Werde mir gleich das Buch kaufen.
Hat Geschmack auf weiter Lesen gemacht.
Danke!