Jul 17 2005

Vom Unglücklichsein zum Wohlfühlen: Die Geschichte eines 14-jährigen Legis

Abgelegt 14:58 unter Christophorusschule

CJD-Update-Pic(Bild: Legi-Zentrum/CJD-Update)

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Meine Lehrerin hat sich dann vor die Klasse gestellt und gesagt, dass ich nicht richtig lesen und schreiben könnte. Da guckten die Klassenkameraden zwar blöd, aber das machte mir nichts aus. In den vier Jahren Grundschule gab es vor allem Schwierigkeiten bei Diktaten und Klassenarbeiten. Die Arbeiten durfte ich dann aber mündlich machen. So kam ich einigermaßen zurecht.

Am Ende der vierten Klasse besuchte ich das Legastheniezentrum in Oberurff. Kontaktwoche nannte man das. Ich erinnere mich genau, wie es mir damals dabei erging. Es fiel mir schwer, von meinen Eltern getrennt zu sein. Die anderen Kinder und ich mussten vier Tage dableiben. In der ersten Nacht heulte ich, wollte nur nach Hause. Ich versuchte das Weinen zu unterdrücken, aber das tat mir nur noch mehr weh. Also versuchte ich die vier Tage durchzuhalten. Die Zeit verging und endlich fuhren wir wieder nach Hause.

Die Grundschule war fast abgeschlossen, als mein Vater die Bestätigung erhielt, dass man mich Oberurff aufnehmen würde. Ich war nicht erfreut, weil ich nicht wusste, wie ich die fünf Jahre überstehen sollte.

Nach den Sommerferien 2001 fuhren mich meine Mutter und mein Vater ins Internat. Die Autofahrt verging, wir kamen an und packten aus, dann holten wir meinen Schlüssel. Nach einer Weile fuhren meine Eltern weg. Ich war so etwas von traurig…

Das war ein komisches Gefühl ohne meine Eltern. Ich habe den ganzen Tag nur geflennt und geschmollt, bis zum Abend. Das war dann das Schlimmste, ich konnte einfach nicht einschlafen. Ich bin dann irgendwann zu meinen Jugendleitern gegangen, die haben dann gesagt, ich solle mich in mein Bett legen und versuchen zu schlafen.

Ich weinte bis spät in die Nacht, bis ich irgendwann einschlief. Am nächsten Tag wachte ich früh auf und ging zum Frühstück. Da sah ich ein Telefon und ich hatte Telefonkarten! Ich rief meine Eltern an und ich sagte: „Holt mich hier ab, macht irgendwas, aber ich will hier weg!“ Meine Eltern waren streng und sagten: „NEIN!“ Das machte mich nur noch trauriger. So begann der Telefonterror.

Ich rief meine Eltern 30-mal und mehr am Tag an. Bis mir meine Betreuer die Telefonkarten abnahmen oder mich vom Telefon wegholten. Dann musste ich irgendwann zum Legi-Training. Meine Legi-Lehrerin wollte mir das Lesen und Schreiben beibringen, aber das ging nicht, weil ich nur an zu Hause dachte. Wir fingen ganz leicht an und spielten ein Puzzle. Ich habe mich einfach geweigert mitzuspielen. Ich habe nur auf meinem Stuhl gehockt und geflennt. So gestaltete sich der Anfang meines Internatslebens.

Dann musste ich auch noch in die Schule. Die Lehrer hatte so etwas, was ich tat bzw. nicht tat, noch nie erlebt. Genau wie im Legi-Training saß ich auf meinem Stuhl und machte nichts außer zu weinen. Ich arbeitete einfach nicht mit. Die Lehrer versuchten mich zu trösten, aber das half nichts, ich weinte immer weiter.

CJD-Update-Pic(Bild: Legi-Zentrum/CJD-Update)

Das ging ganz lange so weiter, einige Monate, bis ich mich entschlossen habe, nicht mehr so weiterzumachen. Ich habe eingesehen, dass ich hier meinen Abschluss machen und das Lesen und Schreiben verbessern will. Die Zeit verging plötzlich und ich hatte Spaß an meinem Internatsleben. Auch in der Schule wurden meine Noten immer besser.

Auch am Wochenende, wenn ich daheim bei den Eltern bin, haben wir jetzt mehr Freude. Wir haben endlich Zeit über etwas anderes zu diskutieren. Nicht nur, ob das Internat gut für mich ist oder nicht.

Mittlerweile habe ich viele Freunde und fühle mich richtig wohl hier. Meine Schulleistungen sind endlich wieder gut und ich kann gut lesen und auch das Schreiben klappt schon viel besser. Die nächsten oder letzten zwei Schuljahre möchte ich hier verbringen und sehe es nicht mehr als ein Muss an. Das war die Kurzversion meines bisherigen Internatslebens. (legi)

(Anmerkung von CJD-Update: Die Fotos sind Schnappschüsse aus dem Legasthenie-Zentrum Oberurff und beziehen sich nicht auf den Verfasser des Berichtes!)

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Diesen Beitrag drucken Diesen Beitrag drucken | Zuletzt aktualisiert: 22.07.2007, 19:49 Uhr


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